Und, Freunde der guten Unterhaltungsmusik? Ordentlich ins neue Jahr gerutscht?
Was mich angeht, so kann ich diese Frage getrost mit „Ja“ beantworten, auch, wenn ich nicht mehr alles weiß, was der Teilamnesie zuzuschreiben ist, die mit übermäßigem Alkoholgenuss einhergeht. Sicher aber weiß ich, dass ich auf dreieinhalb Partys war, hier in der Wahlheimat Leipzig, und von keiner wirklich zu sagen ist, dass sie scheiße war.
Wäre mir das im Superpößneck auch passiert? Ich glaube nicht! Ich denke eher, abgesehen von den wenigen Leuten, die es wahrhaft lohnt, sie besuchen zu gehen, wäre es fad und öd geworden. Oder die Bullen, Verzeihung, die werten Herren und Damen des Polizeiamtes hätten ihren „scheiße ich muss heute arbeiten Frust“ an unsereins ausgelassen.
Hier dagegen war es gänzlich anders. Sogar am eigentlichen Brennpunkt der jährlichen Silvesterfeiern, wo es in den letzten Jahren immer zu Ausschreitungen kam, dem Connewitzer Kreuz nämlich, war alles friedlich. Ein netter Uniformierter wünschte mir gar ein gesundes, neues Jahr! Fast war ich schon ein bisschen enttäuscht, rückt jene Geste mein Weltbild doch etwas weg vom düstren Licht, was die Freunde und Helfer angeht.
Inzwischen schreiben wir den sechsten Januar und allmählich fängt sich alles, so scheint es. Klar, es beginnt ein neues Jahr, und da braucht es schon einen Aufmacher.
Vogelgrippe ist Geschichte. Maul und Klauenseuche dahin. Schweinegrippe adé, hätte ich fast gesagt, doch da schleicht sich die Nachricht von zwei toten Deutschen durch die Medien, die wohl an dem Virus gestorben sein sollen. Das jedoch rückt in den Hintergrund angesichts der neuerlichen Misere in der „Lebensmittelindustrie“. Als hätten es die Macher von ZDF INFO gewusst, zeigen sie, schon seit geraumer Zeit angekündigt (nur, damit es nicht heißt „Ähhh… das haben die ja extra gemacht… genau deswegen“…), „We feed the world“. Eine wirklich mitreißende Doku, die ich nur jedem ans Herz, oder den Magen, das Gedärm… wie auch immer, auf jeden Fall will ich es legen, dahin nämlich, an genannte Organe.
Als hätten sie es also gewusst, schreit sich derzeit ein neuer Lebensmittelskandal durch die Sendeanstalten und Zeitungen. Dioxin vergiftetes Futtermittel. Daher vergiftete Nahrungsmittel, Tiere, die nun zuhauf getötet werden. Sinnlos getötet. Also noch sinnloser, als ohnehin schon. Angst und Panik, eine definitive Insolvenz und Eier, die nun ausschließlich zum Werfen benutzt werden. Das hätte sich heute gut angeboten:
Drei-Königs-Treffen meiner Lieblingspartei, der FDP. Der Akneprinz Westerwelle, ebenfalls eigentlich schon politisch insolvent, schreit sich die Gurgel aus dem Hals, dass er nur, und nur er, die scheiternde Partei noch retten kann und das ginge nicht mit Politik von Links und auch nicht mit Sozialdemokratie. Nein, Mr. Westerwave, saths no going! Schließlich brauchen wir die harte Hand der neoliberalen Wirtschaftsmarionetten. Sie einzig kann den Karren aus dem Dreck ziehen, der weswegen eigentlich nochmal so tief drin steckt?
Ich würde mich da nicht so heißer blöken, nicht dass da noch einer mit einem Bolzenschussgerät geeilt kommt, weil Sie, lieber Guido, mit einem rinderwahnsinnigen, Dioxin vergifteten, schweinegrippalen Schaf verwechselt werden. Obwohl Sie mich ja eher an eine Mischung aus einem Frosch im Glas und den Helden aus der „Unendlichen Geschichte“ erinnern.
Letzteres allerdings nur des Rufes wegen: „Hab Selbstvertrauen! Atreju! Hab Selbstvertrauen!“
Andererseits auch, das fällt mir gerade ein, wegen der Szene, als der Junge auf dem Baum vor der uralten Morla sitzt. Wie alle anderen und gar Teile Ihrer eigenen Partei, niest die Schildkröte den Helden immer wieder von dem toten, kahlen Gehölz, tief im Moor der Verdammnis. Er aber klettert unbeirrt immer wieder hoch, nur um zu erfahren, dass er nichts Wesentliches erfahren wird. Applaus und: „Hab Selbstvertrauen Guido! Hab Selbstvertrauen!“
Und während ich zum dritten Mal in Folge zu spät zur Arbeit komme, und das, obwohl ich schon das Auto einer Freundin hier habe und also wesentlich unabhängiger bin, schlittert der Leipziger Fußgänger übers Blitzeis, gewahr, sich jeden Moment ordentlich auf die Fresse zu legen, weil die Straßen zwar geräumt, die Bürgersteige aber nichts anderes sind, als Steilpisten direkt in die Chirurgie. Da bleibt nur zu sagen: „Hab Selbstvertrauen, Leipziger! Hab Selbstvertrauen!“
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